Wirtschaft

„Investieren in Krisenzeiten“ – Grundsätzliche Überlegungen zum Hausverstand

Hohe Inflation, Währungsabwertungen, fallende Kurse in Folge psychologisch stark beeinflusster Finanzmärkte, verunsicherte Anleger und ein zusammenbrechender Arbeitsmarkt, der viele um Ihre Einkommensquelle oder gar um ihre Existenzen zittern lässt. So oder so ähnlich könnte ein wirtschaftliches Umfeld aussehen, das nicht gerade angenehme Rahmenbedingungen bietet, wie sie durchschnittliche Investoren in Mitteleuropa schätzen. Nicht, dass wir aktuell bereits ein solch wirklich extremes Szenario erleben.

Weit entfernt sind wir von sozialen Spannungen, wie sie ansatzweise in Griechenland zu erkenne waren und trotz der verarbeiteten Finanz- und Wirtschaftskrise der Jahre 2008 und 2009 haben sich die Finanzmärkte durchaus stabilisiert und trotzen auch den aktuellen Entwicklungen in der EURO¬-Zone weitgehend. Jedoch sollte jeder Investor zumindest einmal in seinem Leben auch Extremszenarien gedanklich durchgespielt haben. Je nach Risikoneigung war der typische Anleger der letzten 20-30 Jahre davon geprägt, nach Risikopyramiden mehr oder weniger erfolgreich sein Vermögen aufzubauen und zu diversifizieren. Sparbuch, Bausparen, die Lebensversicherung und eines Tages der Investmentfonds mit Anleihen oder Aktien oder gar einmal die einzelne Aktie des heimischen Unternehmens bildeten die wesentlichen Standbeine von Veranlagungskonzepten. Wie sehr würde jedoch ein wirtschaftliches Extremszenario Einfluss auf unsere Veranlagungswelt nehmen? Hohe Zinsen in Folge eines überaus starken Inflationsanstiegs wären wohl nur solange von Freude, solange das Geld auch noch einen gewissen Wert darstellt und weiteres Einkommen nachkommt. Sollten einmal die Realvermögen nicht mehr wirklich mit Preisentwicklungen mithalten können, dann würden Alternativen dringend benötigt werden. Generell gilt also, dass wir uns in Extremszenarien auch damit befassen müssen, welche Veranlagungsformen wie viel Schutz vor Geld- und Preisentwertungen jeglicher Art bieten können, also auch real noch einen Wertzuwachs oder zumindest Werterhalt gewährleisten könnten. Traditionelle Anlageprodukte wären in so einem Szenario angegriffen und würden wohl leiden. Entweder durch stark ansteigende Zinsen oder aber durch das psychologische Erwartungsmoment an Aktienmärkten, das schon oft zu fallenden Kursen geführt hat. Die in den letzten 10-15 Jahren zu Recht forcierten Rohstoffe aller Art würden wohl – wahrscheinlich mit einer einzigen Ausnahme Gold – ebenfalls ihre Einbahnrichtung Kursanstieg verlassen müssen. Bereits 2008 war dies entsprechend zu sehen und die Korrelation mit dem weltweiten Wirtschaftswachstum ist hier nicht wegzudiskutieren. Selbst beliebte Produkte wie Lebensversicherungen, die darauf basieren, dass Gelder in Deckungsstöcken von Versicherungen mit unterschiedlichen Risikoszenarien veranlagt werden, würden davon nicht ausgenommen bleiben und auch staatliche Prämien wie etwa beim Bausparen müsste in einem solchen Szenario möglicherweise weiter verringert werden oder gänzlich ausbleiben, weil generell gespart werden muss.

Der Druck, die in Europa oder auch anderen so genannten „entwickelten“ Ländern immer weiter ausufernden Staatsverschuldungen letztendlich eindämmen zu müssen, würde wohl das seine dazu beitragen, dass selbst Politiker mit einer unerschütterlichen Glaubenseinstellung an das System nicht mehr an schmerzhaften Einschnitten in der Gesellschaft vorbeikämen – starke Wählerreaktionen eingeschlossen. Substanzwerte wie Immobilien und von Börsenkursen losgelöste Direktinvestitionen in Unternehmen, die durch Preiserhöhungen wohl am Raschesten auf Inflation und Abwertung reagieren können, würden wohl in so einem Umfeld größere Chancen erwarten lassen, als herkömmliche Investitionen. Immobilien ist – zum Teil berechtigt – der Nimbus des all umfassenden Inflationsschutzes eigen. Dabei sind vor allem Direktinvestitionen gemeint, denn Immobilienveranlagungen in Aktien- oder Zertifikatsform können – wie die kürzere Vergangenheit an Hand von Meinl European Land oder Immofinanz zeigte – starken psychologischen Faktoren und somit erst wieder Schwankungen und Gefahrenpotentialen an der Börse unterliegen. Bei den Rohstoffen bildet derzeit sicher Gold das von der großen Mehrheit der Investoren meistgeschätzte Abwehrmittel gegen Inflation. Dabei ist zu beachten, dass wir aktuell eine historisch gesehen sehr hohe Bewertung bei Goldpreisen erleben. Neuinvestitionen sollten daher vor allem unter dem Aspekt der Langfristigkeit betrachtet werden. In Extremszenarien könnten aber durchaus weitere starke Preissteigerungen winken und dies begründet auch die – wenngleich wiederum psychologisch beeinflusste – beständige Nachfrage. Zu den Immobilien ist festzuhalten, dass jedoch auch hier ein „Zuviel“ des Guten Feind werden könnte. Längst erkennen Immobilieninvestoren, dass sie bei näherer Betrachtung ihres Gesamtportfolios dabei sind, nach früheren Übertreibungen eine weitere Übergewichtung, diesmal eben in Grund und Boden, aufzubauen.

Diese so sehnlichst angestrebte Sicherheit könnte sich also als trügerisch erweisen. Hierfür sei stellvertretend an die kreditinduzierten Immobilienblasen in Japan anfangs der 1990-er Jahre sowie in Spanien 2002 bis 2007 erinnert. Und denjenigen, denen dies noch nicht als Argument ausreichend erscheint, denen könnte man auch die fiskalinduzierte Immobilienblase in Irland ab 2000 vor Augen führen, wo bis heute 100.000 Wohnungen mit starkem Wertverlust im Vergleich zu früher leer stehend ein stummes Mahnmal bilden. Niemand kann der Anlageklasse Immobilien Ihre Berechtigung in vernünftigem Ausmaß absprechen, doch es geht heute mehr denn je um Streuung der Assets und die Lernkurven der Investoren. Hier empfiehlt sich ein Blick auf die ganz großen Vermögen dieser Erde, beispielsweise die großen Family Offices, die meist unbemerkt von der Öffentlichkeit, rasch und mit dem gewissen Weitblick genauso wie mit einem Auge auf der Vergangenheit, messerscharf Ihre strategischen Entscheidungen treffen. Nicht umsonst gelingt es daher oft diesen großen Vermögen, besonders gut, Verluste zu begrenzen und Teile Ihres Vermögens immer wieder durch die Unwegbarkeiten der Geschichte zu navigieren. Eine Aufteilung der Mittel hätte wohl um 1930 ganz anders ausgesehen als um 1990.

Auch in den letzten 20 Jahren hat sich diese massiv verändert. So wurde etwa der Anteil an Wertpapieren, der kurz vor der Jahrtausendwende oft mehr als die Hälfte des Vermögens ausmachte, von Investoren heute stark zurückgefahren. Andererseits haben Bargeldbestände und Cashreserven im Vergleich zu damals stark zugenommen. Und neue Anlageklassen wie etwa Private Equity entstanden und stellen heute sogar für Kleinanleger eine bereits zu Recht immer intensiver genützte Anlageklasse dar. Denn „nur“ rund 15% aller Unternehmen weltweit können derzeit über verschiedenste Aktienbörsen erworben werden. Hierbei ist wohl unbestritten, dass das psychologische Element temporär großen Einfluss auf Kursbewertungen hat. Will man dies vermeiden, bietet sich eben eine Investition in Private Equity, also in nicht börsennotierte Unternehmen an. Selbstverständlich ist auch dort dasselbe Risiko anzusetzen wie bei Aktieninvestitionen über die Börse. Daher macht dies ebenso nur langfristig Sinn, weil dazwischen mangels Börsenbewertung kaum ein Exit-Szenario zur Verfügung steht. Andererseits erhält man dafür die Möglichkeit, an spannenden Entwicklungen von Unternehmen mit großem Potential viel direkter und unverfälschter teilzunehmen. Bis vor kurzem war diese Anlageform aufgrund des großen Kapitalbedarfs meist nur institutionellen Anlegern vorbehalten. In den letzten Jahren hat sich jedoch durchaus auch auf diesem Sektor für den Privatanleger attraktive Alternativen entwickelt, die es erlauben, auch mit kleinen Beträgen Risikostreuung zu betreiben und somit langfristig direkt an Unternehmen abseits der Börsenkurse zu partizipieren. Zusammengefasst scheint es, dass eine Balance zwischen traditionellen Anlageformen und die vorsichtige Addition neuer Produkte oder Anlageklassen über kurz oder lang an Bedeutung gewinnen werden. Denn egal ob großes oder kleineres Vermögen, wirklichen Schutz in bewegten Zeiten bietet nur die Diversifikation. Je mehr, desto besser. Werterhaltung steht vor Wertvermehrung. Und oft könnte sich das als sicher qualifizierte Asset im Nachhinein als ein gefährliches Wagnis herausstellen. Das gilt auch und im Speziellen für Währungen, Cash und traditionelle Produkte. Man muss und sollte kein Apokalyptiker oder Endzeitprophet werden. Jedoch hat uns die Geschichte so viele Lernpotentiale hinterlassen, dass ein wenig Weitblick und Beschäftigung mit der Vergangenheit uns in Extremsituationen, die hoffentlich nie Realität werden, helfen könnten. Nicht mehr und nicht weniger sollte jeder, der über Vermögen verfügt – und sei es noch so klein – beachten.

Ob die Asienkrise des Römischen Reiches um 66. v. Chr. Oder die Tulpenkrise um 1637 oder sonstige Krisen in der näheren Vergangenheit, sie alle basieren auf Übertreibungen, Realitätsverweigerungen oder der Entscheidung, gewissen Dingen einfach keine Aufmerksamkeit oder Zeit widmen zu wollen. Lernen wir also daraus, dass der Mensch sich und die materiellen Werte dieser Welt schützen kann, vorausgesetzt er entscheidet sich nicht für die Spekulation, dass schon nichts passieren wird. Wie auch immer ein Anleger wirtschaftliche Entwicklungen weltweit aktuell bewertet, wenn man auch einmal einen Blick auf extreme Entwicklungsszenarien wagt, wird deutlich, wie wichtig das Element Diversifikation nach wie vor ist und dass eine Konzentration auf den guten alten Hausverstand niemals eine Modeerscheinung sein wird. Diese Konzentration auf das Wesentliche könnte insbesondere wenn man Pessimist ist, durchaus noch an Wichtigkeit gewinnen. Wer dies beherzigt, wird wohl auch in besonders harten Zeiten niemals gänzlich auf der Verliererseite landen und so die ganz großen Ausfälle vermeiden können. Nachfolgende Generationen werden es uns angesichts immer geringer werdender Ressourcen für staatliche Versorgungsprogramme wohl sehr stark danken.